ASB Magazin
Juni 2025
12/19

35 Jahre ASB in Ost- und Mitteldeutschland

Die Zeiten ändern sich, unsere Hilfe bleibt

© ASB-Archiv

Die Wiedergründung des ASB in der DDR war ein Kraftakt, der sich gelohnt hat. Von den ersten mutigen Schritten nach dem Mauerfall bis zur modernen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation von heute war es ein mühevoller Weg. Vor 35 Jahren wurde der ASB zum ersten gesamtdeutschen Wohlfahrtsverband in Deutschland und leistet heute auch in den fünf ost- und mitteldeutschen Bundesländern einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft.

Unglauben, Aufregung, Freude – das waren die vorherrschenden Gefühle, als der damalige SED-Politiker Günter Schabowski am Abend des 9. November 1989 fast beiläufig die Mauer öffnete. Zehntausende Menschen brachen daraufhin zu den verschiedenen Berliner Grenzübergängen auf, voller Unglauben und Hoffnung. Nach 28 Jahren der Trennung öffneten sich die Schlagbäume, Menschen aus Ost und West jubelten und feierten gemeinsam. Die deutsche Teilung war Geschichte. Im Bonner Bundestag gab Annemarie Renger, damalige Bundestagsvizepräsidentin und ASB-Präsidentin, die Öffnung während einer Bundestagssitzung bekannt. 

Beginn einer turbulenten Zeitreise
Für den ASB öffnete sich damit gleichzeitig der Weg zurück nach Ost- und Mitteldeutschland. Es begann eine turbulente Zeitreise. Ab Januar 1990 war der ASB startbereit zum Wiederaufbau einer Organisation, die seit 1933 nicht mehr existieren durfte. Schon im Dezember 1989 wurden alle ASB-Gliederungen von der Kölner Bundesgeschäftsstelle gebeten, ihre Kontakte zu nutzen, um den ASB in der DDR wiederzugründen. Der Aufruf war eigentlich gar nicht nötig, denn die Gliederungen im Westen hatten die Initiative bereits ergriffen.  

Bereits am 27. Januar 1990 wurde der erste ASB-Ortsverband auf ostdeutschem Boden in Mecklenburg-Vorpommern wiedergegründet. In Güstrow kamen 16 engagierte Menschen in der Wohnung von Jürgen und Sybille Wangerin zusammen. Bei reichlich selbst gebackenem Kuchen und heißem Kaffee traf sich die vielfältige Gruppe am Wohnzimmertisch: Maurer, Tischler, Verwaltungsangestellte, Kindergärtnerinnen, ein Handwerksmeister und ein Student sowie ein Finanzbeamter, ASB-Rettungssanitäter, ehrenamtliche Helfer:innen samt Geschäftsführer aus Bad Oldesloe und auch Schleswig-Holsteins Justizminister. Sie alle waren zum deutsch-deutschen Treffen nach Güstrow gekommen, um der überlasteten staatlichen Struktur in der Region einen gemeinnützigen Hilfsdienst an die Seite zu stellen. 

ASB-Pflegedienste gestern und heute:

Einmalige Solidaritätsaktion zwischen Ost und West
Der ASB startete seine Wiedergründung mit atemberaubender Geschwindigkeit. Noch im ersten Halbjahr 1990 gab es in allen größeren Städten der DDR wieder ASB-Ortsverbände. Möglich wurde dies durch eine einmalige Solidaritätsaktion aller Gliederungen in Westdeutschland – gemeinsam mit Tausenden DDR-Bürger:innen, die sich vor Ort zusammentaten. Sie alle waren beflügelt von Mut, Einsatzfreude, Risikobereitschaft und einem einmaligen Improvisationstalent. 

Am 13. Oktober 1990 waren die neuen ASB-Landesvorsitzenden mit ihren Stellvertreter:innen bereits bei der Sitzung des Bundesausschusses in Köln vertreten. Auf der Tagesordnung stand die „Aufnahme von fünf neuen Landesverbänden in den ASB“, die einstimmig erfolgte. Der damalige ASB-Bundesvorsitzende Martin Ehmer und ASB-Präsidentin Annemarie Renger verkündeten stolz, der ASB sei damit die erste gesamtdeutsche Wohlfahrtsorganisation.

Viele ASB-Ortsverbände der Bundesrepublik übernahmen Patenschaften für neue Gründungen im Osten; sie halfen beim Wiederaufbau, lieferten Fahrzeuge und Geräte. Der immense Geldeinsatz von mehr als 3,5 Millionen DM aus ASB-Eigenmitteln wurde honoriert durch staatliche Leistungen im Wert von 6 Millionen DM – in Form von Rettungswagen, der Finanzierung von Sozialstationen und später auch durch Sonderprogramme für den Betrieb und Neubau von Pflegeheimen.

Voller Eifer in den Wiederaufbau 
Mit Bewunderung schauten die westdeutschen Samariterinnen und Samariter auf die vom Osten ausgehende Entwicklung des ASB zu einer modernen Wohlfahrtsorganisation. Die Vielzahl der neu entstandenen Einrichtungen wie Sozialstationen, Gesundheitszentren, Heime für Asylsuchende und Aussiedler:innen, Angebote für Menschen mit Behinderungen, Kurzzeitpflegestätten, sozial-pädiatrische Zentren und Kindereinrichtungen inspirierte den Gesamt-ASB, sich neben den traditionellen Kernbereichen wie Rettungswesen, Sanitätswesen und Katastrophenschutz auch verstärkt diesen Aufgaben zu widmen.
 

Das größte Ereignis der ASB-Geschichte
ASB-Vizepräsident und -Chronist Wilhelm Müller bezeichnet die Wiedergründung des Verbandes in den fünf neuen Bundesländern als das größte und bedeutendste Ereignis in der langen Geschichte des ASB. Er muss es wissen – er war maßgeblich dafür im Einsatz. Zur Geschichte der Wiedergründung schrieb er: „Der ASB-Bundesverband war sich der ‚ostdeutschen Lücke‘ im Verband stets bewusst, schließlich gehörte gerade Mitteldeutschland zum alten ASB-Stammland. Wir als Bundesgeschäftsstelle mussten nicht viel tun, um die bestehenden Gliederungen zu animieren, den neuen ASB-Verbänden zu helfen. Das lief ganz von selbst. Das miterleben zu dürfen, war das Bewegendste meiner beruflichen Laufbahn als ASB-Bundesgeschäftsführer.“* 

Was viele lange nicht für möglich hielten, ist 1990 doch noch wahr geworden: 57 Jahre nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten und der Zeit nach dem Krieg gab es wieder ASB-Gliederungen  auf ostdeutschem Boden. Diese Erfolgsgeschichte wurde geschrieben von Frauen und Männern, die nach dem Mauerfall nicht zögerten und sich voller Eifer in den Wiederaufbau des ASB stürzten. Der Dank für so viel Einsatz gebührt den Gründer:innen und Helfer:innen, den Mitgliedern, den Förderinnen und Förderern und den Freiwilligen genauso wie allen hauptamtlich Aktiven im ASB. Sie alle haben wesentlich zum Erfolg des ASB in Ostdeutschland beigetragen und ihn zu einem Markenzeichen für Solidarität und Toleranz gemacht.



 Text: Alexandra Valentino

*Quelle: „25 Jahre ASB in Ost-und Mitteldeutschland“ von Wilhelm Müller/ASB Deutschland e. V., Köln 2015