Die Pflege steht an der Schwelle zu einer neuen Zeit: Digitale Technologien bieten jetzt die Chance, den Arbeitsalltag spürbar zu erleichtern und die Qualität der Versorgung zu steigern. Moderne Spracheingaben, digitale Vernetzung und innovative Modellprojekte zeigen, dass Veränderung nicht nur notwendig, sondern möglich ist. Es ist an der Zeit, die Pflege zukunftsfähig zu gestalten – für mehr Effizienz, mehr Miteinander und mehr Zeit für das, was wirklich zählt.
Mehr Zeit für echte Begegnungen
Wie sehr dieses Thema die Praxis bewegt, wurde auch auf dem ASB-Pflegekongress im April in Potsdam deutlich: ASB-Pflegekräfte aus verschiedenen Einrichtungen berichteten dort von ersten Erfahrungen, formulierten klare Erwartungen an digitale Lösungen und betonten, dass Digitalisierung in der Pflege vor allem eins
bleiben muss: menschenzentriert. „Pflege ist weit mehr als eine technische Dienstleistung – sie ist eine Kunst der sensiblen und empathischen Zwischenmenschlichkeit“, betont Lucia Tonello, Fachbereichsleitung Soziale Dienste beim ASB-Bundesverband. Technologie dürfe niemals zur Entmenschlichung beitragen, sondern müsse im Gegenteil dafür sorgen, mehr Zeit für echte Begegnungen zu schaffen.
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Besonders diskutiert wurde der Einsatz künstlicher Intelligenz im Bereich der Betreuung und Aktivierung. Systeme wie der Prototyp des KI-gestützten Roboters Navel, der aktuell in zwei Einrichtungen in Baden-Württemberg im Einsatz ist, sollen Pflegekräfte bei der sozialen und emotionalen Betreuung unterstützen. „Auch wenn solche Technologien gelegentlich vermenschlicht werden – sie bleiben Maschinen und können keine Pflegefachkraft ersetzen“, betonte Nicole Hauschild, Leitung stationäre Pflege beim ASB-Landesverband Baden-Württemberg. Vielmehr gehe es darum, repetitive Aufgaben zu übernehmen oder aktivierende Angebote zu ergänzen, während die zwischenmenschliche Pflegebeziehung weiterhin den Kern der Versorgung bildet. In der kommenden Ausgabe unseres ASB Magazins werden wir Ihnen dieses Projekt ausführlich vorstellen.
Erste praktische Fortschritte zeigen sich auch in der Pflegeorganisation. Weg von der Papierdokumentation hin zu digitalen Lösungen – ein längst überfälliger Schritt, den andere Branchen schon früher gegangen sind, der in der Pflege aber nun sichtbar an Fahrt aufnimmt. In Hessen wurde die Spracheingabe im ambulanten Bereich landesweit eingeführt, der stationäre Bereich prüft aktuell die Umsetzung. In Baden-Württemberg ist ein Reinigungsroboter im Einsatz, um hauswirtschaftliche Kräfte zu entlasten, und immer mehr Einrichtungen öffnen sich für innovative Projekte.
Das funktioniert jedoch nur mit den richtigen Menschen. „Wir benötigen Mitarbeitende, die motiviert sind, offen denken und andere mitziehen können“, weiß Nicole Hauschild aus Baden-Württemberg. Digitalisierung in der Pflege heißt eben nicht nur Technik einführen – es heißt den Mut haben, Arbeitsweisen zu hinterfragen, Neues auszuprobieren und dabei die Würde und Individualität der Pflegebedürftigen stets im Blick zu behalten. „Wenn Technik die Pflege entlastet, bleibt mehr Zeit für das, was sie ausmacht: Nähe, Würde und echte Begegnung“, davon ist Fachbereichsleiterin Lucia Tonello überzeugt.
Text: Nadine Koberstein