ASB Magazin
März 2024
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Ein Meilenstein für die Notfallversorgung

Krisen-Interventions-Teams (KIT) des ASB betreuen Betroffene nach belastenden Ereignissen

© ASB/Timm Schamberger

Ein Meilenstein für die Notfallversorgung

Krisen-Interventions-Teams (KIT) des ASB betreuen Betroffene nach belastenden Ereignissen

Ein Schusswechsel bei einem Treffen der internationalen Waffenlobby. Ein Anschlag auf das Kraftwerk Franken I. Ein Amoklauf in einer Station der U-Bahn-Linie 3. Drei Schreckensszenarien, die an einem Dienstagvormittag im November allesamt gleichzeitig und nur wenige Straßenzüge vonei­nander entfernt stattgefunden haben – im Westen der Stadt Nürnberg. 

Bei den Szenarien handelte es sich um eine Großübung, die die beteiligten Einsatzkräfte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen sollte. „Für die Polizeikräfte – darunter das SEK Nordbayern – ging es darum, die Täter zu entwaffnen, Geiseln zu befreien und Verletzte in Sicherheit zu bringen, um sie an die Einheiten des Rettungsdienstes und Bevölkerungsschutzes vom ASB zu übergeben“, erklärt Kim Naujoks vom ASB-Landesverband Bayern die Situation. Nach der Erstversorgung habe der Rettungsdienst die Verletzten in ein eigens errichtetes Übungskrankenhaus auf dem Gelände der Polizeiinspektion West gebracht. 

Doch nicht nur die aus ganz Bayern angereisten Rettungskräfte konnten viele wertvolle Erkenntnisse aus der Übung gewinnen – Gleiches galt für die Expertinnen und Experten der verschiedenen Krisen-Interventions-Teams (KIT) des ASB aus Bayern, die innerhalb der Szenarien von den Einsatzleitungen alarmiert wurden. Sie stehen für die „Erste Hilfe für die Seele“. „Bei Ereignissen wie jenem in Nürnberg geht es darum, Menschen zu betreuen, die entweder direkt betroffen waren, Augenzeugen waren oder Angehörige vermissen“, sagt Stephan Jansen vom KIT-München. „Zunächst bringen wir die Menschen an einen ruhigen Ort, an dem wir ihnen Sicherheit vermitteln können. Dort wollen wir die Leuchttürme sein, also Orientierung vermitteln und den Menschen eine Perspektive aufzeigen.“ 

Das Training wurde gemeinsam vom ASB Bayern und der Polizei ein Jahr lang geplant und vorbereitet. Zudem waren das Klinikum Nürnberg, die Berufsfeuerwehr, die Verkehrsbetriebe und die örtliche Leitstelle beteiligt. Insgesamt nahmen rund 400 Personen an der Übung teil, darunter über 70 aufwendig geschminkte und präparierte Miminnen und Mimen mit realitätsnahen Verletzungsmustern. Zu ihnen gehörten auch angehende Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter der ASB-Schulen mit Sitz in Lauf an der Pegnitz.

Dass derartige Szenarien erschreckend nah an reale Ereignisse he­ran­­kommen, zeigt ein Rückblick auf den Juli des Jahres 2016. Bei einem rechtsextrem motivierten Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum in München sind damals zehn Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen der 18-jährige Täter. Auch das KIT-München war hier im Einsatz. „Wir waren ohne zeitlichen Puffer sofort mittendrin und über Stunden in einer Unsicherheit, weil es bis zur Entwarnung durch die Polizei bis in die späte Nacht dauerte“, erinnert sich Timo Grünbacher, der damals dem 22 Einsatzkräfte starken KIT angehörte, das am Tag des Ereignisses selbst und an den Folgetagen gemeinsam mit 27 Einsatzkräften anderer Hilfsorganisationen Hunderte Menschen betreute. Die Aufgaben erstreckten sich von der unmittelbaren Betreuung Betroffener über die Überbringung von Todesnachrichten bis hin zur behutsamen Begleitung Trauernder, die sich an der Gedenkstelle vor dem Einkaufszentrum versammelten. Grünbacher: „Wir haben Augenzeugen helfen können, indem wir ihnen einfach erklärt haben, dass ihre Reaktion – Albträume, Unsicherheit, Gedanken an das Ereignis – auch ein paar Tage nach dem Attentat völlig normal ist und sie nicht krank sind.“

Auszeichnung mit Sonderpreis der Helfenden Hand
Besondere Würdigung erfuhr die Arbeit des Krisen-Interventions-Teams des ASB München/Oberbayern Ende letzten Jahres. Das Projektteam wurde mit dem Sonderpreis der Helfenden Hand vom Parlamentarischen Staatssekretär des Bundesministeriums des Inneres und für Heimat (BMI) Johann Saathoff ausgezeichnet. „Das KIT stellt mit seiner wichtigen Arbeit ein herausragendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement dar“, so die Begründung der Jury für den Förderpreis Helfende Hand. Das Team ist seit fast 30 Jahren rund um die Uhr einsatzbereit, und die 60 Ehrenamtlichen bewältigen um die 1.000 Einsätze pro Jahr – ein Meilenstein für die Notfallversorgung und das gesamte Ehrenamt. Die Arbeit erfordert sowohl Fingerspitzengefühl als auch selbst mit solch herausfordernden Situationen gut umgehen zu können. „Wir sind ein sehr gutes Team, tauschen uns untereinander aus. Es gibt Supervisionen, und wir haben uns über die Jahre eine gewisse Professionalität erworben“, erklärte Christian Wolf, stellvertretender ASB-Landesvorstandsvorsitzender Bayern und Mitglied im KIT-München, den Gästen die Arbeit der Krisen-Interventions-Teams.

„Mein Dank gilt allen Einsatzkräften, die tagtäglich Menschen in ihren schwersten Stunden begleiten und betreuen. Gleichzeitig muss die Situation für den ehrenamtlichen Bevölkerungsschutz weiter verbessert werden, zum Beispiel auch durch eine bundeseinheitliche Regelung zur Helfendenfreistellung, in der neben Entgeltfortzahlungen auch die soziale Absicherung geklärt ist und die auch für Ausbildungen und Übungen sowie Einsätze unterhalb der Katastrophenfallschwelle greift. Der ASB fordert daher, gemeinsam auch mit den anderen Hilfsorganisationen, eine Gleichstellung mit den Helfenden des THW und der Feuerwehren“, betonte ASB-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Martin Fichtmüller nach der Auszeichnung.

Mehr Sicherheit im Stadion des FC Bayern München
In der Regel werden die Ehrenamtlichen der Krisen-Interventions-Teams bei einem schweren Unfall oder einer Katastrophe von Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst gerufen. Die Einsatzkräfte vor Ort entscheiden, ob die betroffene Person psychosoziale Unterstützung benötigt. Die Arbeit des KIT-München geht darüber weit hinaus.

Um die psychosoziale Notfallversorgung in der Allianz Arena in München zu sichern, hat der FC Bayern (FCB) zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der Südkurve und des Fanprojekts München das Awareness-Konzept OBACHT entwickelt. Mit seiner Idee ist der Verein direkt an das KIT-München herangetreten. Seit dem 27. August letzten Jahres steht das KIT bei allen Heimspielen für Fans sowie Besucherinnen und Besucher bereit. OBACHT soll für mehr Sicherheit im Stadion sorgen und steht für gegenseitige Unterstützung sowie eine Kultur des Hinschauens: „In der FC-Bayern-Familie geht es um Zusammenhalt: Jeder Mensch soll sich willkommen, wohl und sicher fühlen. Grenzüberschreitendes, übergriffiges und diskriminierendes Verhalten wird bei uns nicht toleriert“, sagt Michael Diederich, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des FCB. Das KIT-München hat seit Beginn der Bundesligasaison zwölf Heimspiele (Stand 8. Januar 2024) sowie die Jahreshauptversammlung des FCB mit zwei bis drei Einsatzkräften begleitet. Die KIT-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen waren während der Spiele jeweils rund viereinhalb Stunden vor Ort und leisteten bei durchschnittlich zwei Einsätzen pro Spiel professionelle Hilfe. 

Mittels eines QR-Codes, der überall sichtbar ist und auch direkt den Standort übermittelt, können Opfer von Gewalt oder Diskriminierung auf sich aufmerksam machen und rasch vom KIT aufgesucht werden. Die Einsatzleitung des Sanitätsdienstes alarmiert das KIT außerdem bei medizinischen Notfällen, zum Beispiel Reanimationen, um die Angehörigen oder Begleitpersonen der Betroffenen zu versorgen, wenn diese unter akutem psychischen Schock stehen. Um eine professionelle Betreuung zu gewährleisten, wurden dafür ausgewiesene Räume, sogenannte Safe Spaces, eingerichtet.

„Für uns ist es wichtig, für andere da zu sein, ihnen zu helfen. Es ist für uns eine große Anerkennung, wenn sich die Menschen bedanken und sagen: ‚Gut, dass sie da warenʻ, so Christian Wolf abschließend.


Psychosoziale Notfall­versorgung
Die Krisen-Interventions-Teams des ASB unterstützen über eine psychosoziale Notfallversorgung indirekt Betroffene akut belastender Ereignisse. Das können schwere Unfälle, plötzliche Todesfälle im nahen, zum Beispiel familiären Umfeld, Suizid, Katastrophen oder Verbrechen sein. Dabei sind die Einsätze so individuell wie die Menschen, die sie begleiten. Mehr unter: www.asb.de/kit

Text: Nadine Koberstein/Petra Linné/Moritz Wohlrab